Wer am Wandsbeker Markt aus dem Bus steigt, ahnt selten, dass hier einmal ein barockes Schloss stand und ein Dichter saß, dessen Abendlied bis heute Millionen Menschen kennen. Unter dem Verkehrsknoten und den Einkaufspassagen liegt die Geschichte einer Stadt, die lange gar nicht zu Hamburg gehörte, sondern eine eigene preußische Großstadt vor den Toren der Hansestadt war.
Wandsbek ist heute der einwohnerstärkste Bezirk Hamburgs. Diese Chronik führt vom mittelalterlichen Bauerndorf an der Wandse über die Wasserburg der Rantzaus und das Schloss des Sklavenhändlers Schimmelmann bis zur modernen Bezirksmetropole im Hamburger Osten.
- 1296: Ein Dorf an der Wandse
- Ab 1564: Die Wasserburg der Rantzaus
- 1762: Schimmelmann, das Schloss und die Schattenseite
- 1771: Der Wandsbecker Bothe macht den Ort berühmt
- 1833: Vom Flecken zum Fabrikort
- 1870: Wandsbek wird preußische Stadt
- 1900: Aufstieg zur kreisfreien Großstadt
- 1937: Das Groß-Hamburg-Gesetz beendet die Eigenständigkeit
- 1943: Operation Gomorrha
- Ab 1951: Der größte Bezirk Hamburgs
- Wandsbek heute: 18 Stadtteile, ein Markt als Mittelpunkt
- Quellen
1296: Ein Dorf an der Wandse
Schriftlich greifbar wird Wandsbek am 10. Oktober 1296. In einer Urkunde der Schauenburger Grafen taucht der Ort als eines von dreizehn Stormarner Dörfern auf.1 Es war eine kleine bäuerliche Siedlung in der Nähe der heutigen Schloßstraße, bestehend aus einem Gutshof und einigen Bauernkaten.
Der Name leitet sich vom Gewässer ab. Im 13. Jahrhundert ist die Form "Wantesbeke" überliefert, also der Bach (niederdeutsch "beke") an der Wandse. Aus dem Namen des Flusses wurde der Name der Siedlung.2 Die Wandse durchzieht den Stadtteil bis heute und trieb über Jahrhunderte Mühlen an, darunter die Rantzau-Mühle an der Grenze zum Hamburger Eilbek.
Ab 1564: Die Wasserburg der Rantzaus
1564 erwarb der holsteinische Statthalter Heinrich Rantzau das Gut Wandsbek. Anstelle des vorhandenen Gutshauses ließ er eine dreiflügelige Wasserburg errichten und nannte sie Wandesburg.3 Damit begann die Reihe adliger und kaufmännischer Gutsherren, die den Ort über drei Jahrhunderte prägten.
Die Besitzerliste liest sich wie ein Who-is-who der norddeutschen Geschichte: 1641 ging die Burg an Christian Graf von Pentz, 1645 an den Kaufmann Albert Baltser Berns, der sie zwischen 1645 und 1648 umfassend umbauen ließ, 1679 an Friedrich Christian Kielman von Kielmansegg und 1705 an Joachim von Ahlefeldt.4 Über lange Phasen gehörte Wandsbek zum Einflussbereich der dänischen Krone, die Holstein regierte.
1762: Schimmelmann, das Schloss und die Schattenseite
1762 wurde Heinrich Carl von Schimmelmann (1724 bis 1782) Herr von Wandsbek. Der gebürtige Demminer war einer der reichsten Männer seiner Zeit, Finanzberater der dänischen Könige und ab 1768 Schatzmeister des Reiches.5 Er ließ das alte Herrenhaus abreißen und ab 1772 nach Plänen des Baumeisters Carl Gottlob Horn ein neues, spätbarockes Wandsbeker Schloss errichten, das bis 1778 vollendet wurde.6
Schimmelmanns Reichtum hatte eine dunkle Quelle. Er baute einen lukrativen Dreieckshandel auf: Schiffe luden Baumwollstoffe und Gewehre aus seinen eigenen Fabriken, segelten nach Westafrika, tauschten die Waren gegen versklavte Menschen und brachten diese in die dänische Karibik. Dort ließ Schimmelmann sie auf seinen Zuckerplantagen auf St. Croix, St. Thomas und St. Jan arbeiten.7
Wandsbek und der Kolonialhandel
In Wandsbek selbst ließ Schimmelmann Baumwolle verarbeiten und gründete 1776 eine Manufaktur. Der Wohlstand, der das barocke Schloss finanzierte, stammte unmittelbar aus dem transatlantischen Sklavenhandel, eine Geschichte, die Hamburg erst spät aufgearbeitet hat.
1771: Der Wandsbecker Bothe macht den Ort berühmt
Unter Schimmelmann wurde Wandsbek auch ein geistiges Zentrum. Am 1. Januar 1771 erschien die erste Ausgabe der Zeitung "Der Wandsbecker Bothe", deren alleiniger Redakteur der Dichter Matthias Claudius war.8 Claudius, 1740 im holsteinischen Reinfeld geboren, machte aus dem kleinen Ort einen literarischen Treffpunkt und einen weit über die Region hinaus gelesenen Namen.
Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar.
Bemerkenswert ist, dass Claudius 1773 mit dem Gedicht "Der Schwarze in der Zuckerplantage" eine der ersten Anklagen gegen die Sklaverei in der deutschen Lyrik verfasste, mitten im Herrschaftsgebiet eines Sklavenhändlers. Die Zeitung wurde 1775 eingestellt. Die Stadt ehrte ihren Dichter später im Stadtwappen, das einen Boten zeigt, und benannte zahlreiche Orte nach ihm.9
1833: Vom Flecken zum Fabrikort
Mit dem 19. Jahrhundert kam die Industrie. Schon ab 1804 entwickelte sich Wandsbek zu einem Gewerbestandort, 1833 erhielt der Ort die sogenannte Fleckengerechtigkeit, eine Zwischenstufe zwischen Dorf und Stadt mit eigenen Marktrechten.10
Das barocke Schloss überlebte diesen Wandel nicht. Der Bauspekulant Johann Anton Wilhelm von Carstenn ließ das noch intakte Gebäude 1861 abreißen und parzellierte das Gelände für eine Villenvorstadt, das heutige Marienthal.11 Vom Schloss blieben nur zwei Löwenskulpturen und einige Sandsteinvasen, die heute am Wandsbeker Marktplatz stehen.
1870: Wandsbek wird preußische Stadt
Nach der Annexion Holsteins durch Preußen 1866 ging es schnell. Mit über 10.000 Einwohnern erhielt Wandsbek am 1. Juni 1870 die Stadtrechte.12 Drei Jahre später, 1873, wurde die junge Stadt Kreisstadt und Verwaltungssitz des Kreises Stormarn.
Eine eigene Stadt vor Hamburgs Toren
Anders als viele Hamburger Stadtteile war Wandsbek nie ein Dorf, das in die Hansestadt hineinwuchs. Es war eine selbstständige preußische Stadt mit eigenem Rathaus, eigener Verwaltung und eigenem Stolz, getrennt von Hamburg durch eine Staatsgrenze.
1900: Aufstieg zur kreisfreien Großstadt
Die Industrialisierung trieb die Einwohnerzahl in die Höhe. Mit der Eingemeindung von Hinschenfelde überschritt Wandsbek die Marke von 27.000 Einwohnern und wurde um 1900 zur kreisfreien Stadt erklärt.13 Im Hamburger Umland war damit eine ernstzunehmende Industrie- und Wohnstadt entstanden.
Aus dieser Zeit stammen prägende Strukturen: Wohnungsgenossenschaften wie die 1897 gegründete Wohnungsgenossenschaft Hamburg-Wandsbek entstanden, und im benachbarten Hinschenfelde wuchs eine Gartenstadt heran. Wer heute durch die Quartiere geht, läuft an Spuren dieser Gründerzeit vorbei, ein Thema, das auch unsere Übersicht zu den Sehenswürdigkeiten in Wandsbek aufgreift.
1937: Das Groß-Hamburg-Gesetz beendet die Eigenständigkeit
Die Selbstständigkeit endete unter den Nationalsozialisten. Das Groß-Hamburg-Gesetz erweiterte Hamburg mit Wirkung zum 1. April 1937 um die bis dahin preußischen Städte Altona, Harburg-Wilhelmsburg und Wandsbek sowie zahlreiche umliegende Gemeinden.14
Wandsbek, das zu diesem Zeitpunkt rund 48.000 Einwohner zählte, verlor seine kommunale Unabhängigkeit und wurde Teil der Hansestadt.15 Was die Wandsbeker über Jahrhunderte als eigene Identität gepflegt hatten, ging in der großen Verwaltungseinheit Hamburg auf.
1943: Operation Gomorrha
Im Juli 1943 traf der Luftkrieg Wandsbek mit voller Wucht. Während der alliierten Operation Gomorrha legten Bombenangriffe und der entstehende Feuersturm große Teile des Hamburger Ostens in Schutt und Asche. Schwer betroffen waren neben Wandsbek vor allem Barmbek sowie Teile von Uhlenhorst und Winterhude, dicht besiedelte Wohngebiete mit verheerenden Brandschäden.16
Der Wiederaufbau prägte das heutige Gesicht des Stadtteils. Wo enge Gründerzeitstraßen gestanden hatten, entstanden in den Nachkriegsjahrzehnten breitere Verkehrsachsen und neue Wohnbauten. Der Verkehrsknoten am Wandsbeker Markt, heute eine der meistbefahrenen Kreuzungen Hamburgs, ist auch ein Erbe dieser Neuordnung.
Ab 1951: Der größte Bezirk Hamburgs
Nach dem Krieg ordnete Hamburg seine Verwaltung neu. Durch das Bezirksverwaltungsgesetz von 1949 entstand der Bezirk Wandsbek, und 1951 wurde Wandsbek formell ein Hamburger Stadtteil innerhalb dieses Bezirks.17
Der neue Bezirk wurde zum mit Abstand bevölkerungsreichsten Hamburgs. Er reicht vom urbanen Kern um den Wandsbeker Markt über Marienthal, Tonndorf und Jenfeld bis weit ins ländlich geprägte Umland mit Rahlstedt, das mit über 88.000 Einwohnern der einwohnerstärkste Stadtteil ganz Hamburgs ist.18
Wandsbek heute: 18 Stadtteile, ein Markt als Mittelpunkt
Heute leben im Bezirk Wandsbek mehr als 456.000 Menschen (Stand Dezember 2024), verteilt auf 18 Stadtteile, mehr als in jedem anderen Hamburger Bezirk außer Hamburg-Mitte.19 Wie viele es genau im Kern-Stadtteil sind, zeigt unser Überblick zu den Einwohnern in Wandsbek.
Das Herz bildet der Wandsbeker Markt mit dem Einkaufszentrum Quarree, das 1988 eröffnet, 2000 um ein Kino erweitert und 2010 um rund 7.500 Quadratmeter vergrößert wurde. Heute beherbergt es rund 90 Geschäfte, Cafés und Restaurants sowie einen Wochenmarkt.20 Wer die Geschichte sucht, findet sie im Grünen: Der Eichtalpark und das Wandsbeker Gehölz erinnern an die alten Gutslandschaften an der Wandse.
Die Erinnerung an Matthias Claudius hält der Ort wach, vom Stadtwappen bis zu Straßennamen. Und der Verkehrsknoten, an dem täglich Zehntausende vorbeikommen, bleibt das, was Wandsbek immer war: ein eigenständiger Mittelpunkt im Hamburger Osten, der seine lange Vorgeschichte als preußische Stadt nicht vergessen hat.